Schritt für Schritt
zum alpinen Paradies

Eine Reise auf dem Kutschbock führte sie nach Ungarn.

Dort entstand eine Vision, die Sarah Priti und Sergio Casini nun mit grossem Einsatz in Sangernboden umsetzen.

Auf gut tausend Meter über Meer dominieren grüne Alpwiesen, gelegentlich unterbrochen von Nadelbaumgruppen, die sich entlang steil herabstürzender Bergbäche in engen Tobeln drängen. Wir befinden uns nur wenige Hundert Meter von der Freiburger Kantonsgrenze entfernt. Unten im Tal schlängelt sich die Sense Plaffeien entgegen, nach oben führen selten begangene Wanderwege Naturliebhaberinnen und Kletterfreudige dem Horbüelpass entgegen. Hier, in Sangernboden am äussersten Rand der Gemeinde Guggisberg, lebt die Familie Casini.

Sergio und Sarah Priti Casini machen den Stampferli-Hof seit rund sechs Jahren zu etwas ganz Besonderem. «Wir stecken noch in den Kinderschuhen», betont das Paar. Erst im Herbst 2016 konnten sie den Ganzjahresbetrieb auch offiziell übernehmen. Dazu gehörte auch die Forellenmast – in drei Weihern im Steilhang leben insgesamt rund tausend Fische. Nicht nur das macht Casinis zu Exoten unter den Bergbauern: Nebst ihren Ziegen halten sie auch Yaks – tibetanische Hochlandrinder. Langfristig streben sie eine Landwirtschaft nach dem Modell der Permakultur an: eine Bodenbewirtschaftung, bei der die Natur imitiert wird und die in Kreisläufen funktioniert.

Auf dem Bild: Priti und Sergio mit Jeronimo Casini

FamilieCasini

Die Reise: zu sich selbst und zueinander

Alles fängt schon vor über zehn Jahren an. Sergio, 38, in Ennetmoos im Kanton Nidwalden aufgewachsen, ist eigentlich gelernter Strassenbauer. Nach einem Naturgartenlehrgang und einigen Jahren Arbeit als Landschaftsgärtner zieht es ihn fort. Mit Pferd und Bastsattel reist er 2004 über die Schweizer Alpen, ein Jahr später mit Pferd und Wagen durch den Schweizer Jura, dann über die Grenze nach Frankreich. Er hat vor, in Italien seine Nonna zu besuchen und später weiter ostwärts zu ziehen. Im Sommer 2005 verbringt er einen Monat in der Schweiz, wo er bei einem Fest mitarbeitet. Man ahnt es: Am selben Ort hilft auch eine junge Frau mit – Sarah Priti. Nach dem ersten Kennenlernen muss Sergio zurück nach Frankreich. Die heute 35-jährige Sarah Priti, genannt Priti, ist in Steffisburg aufgewachsen. Sie hat nach Ausbildungen als Rezeptionistin, im KV, als systemische Berufsagogin, Coach und als Sachbearbeiterin Personalwesen ebenfalls eine Reise vor. Es zieht sie nach Sri Lanka, wo sie eine Teeplantage aufziehen will. Pritis Reise soll sie zuerst nach Südfrankreich führen, wo sie dann ein Schiff in Richtung Sri Lanka besteigen würde. Kurzerhand beschliesst sie, Sergio nach Frankreich nachzureisen – schliesslich könnte sie jederzeit weiter südwärts ziehen. Doch die beiden verstehen sich gut. Sie verbringen 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche gemeinsam auf den zwei-einhalb Quadratmetern der Kutsche und lernen sich so sehr schnell sehr gut kennen. «Wenn es kalt ist, man Hunger hat und müde ist, sieht man sehr gut, wie eine Person wirklich ist», beschreibt Priti Casini die Momente, die weniger romantisch waren. «Wären unsere Werte nicht dieselben gewesen, wir hätten uns konstant gestritten», sind beide überzeugt. Doch offensichtlich sind sie aus demselben Holz geschnitzt. Über zwei Jahre lang sind sie gemeinsam unterwegs – in Italien, Slowenien und auch lange in Ungarn.

PferdeundWagen
tourkarte

«Wir sahen die Masse»

Nicht nur, aber gerade auch in Osteuropa, sieht das junge, interessierte und gut ausgebildete Paar alle möglichen Formen von Landwirtschaft. Vorherrschend sind: Grossbetriebe, Monokulturen. Immer wieder begegnen ihnen ausgelaugte Böden, ausgenutzte Tiere und mittendrin erschöpfte Menschen. «Wir sahen die Masse», erzählen sie. Massenproduktion von Getreide und Gemüse, Massenhaltung von Tieren und massenhaft kranke und müde Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Die beiden Reisenden stellen fest: «Das Produzieren von Grossmengen macht viel kaputt.» Priti und Sergio wollen nicht einfach heimreisen und weiterhin Lebensmittel aus womöglich solchen Herkunftsbedingungen kaufen. «Wie wäre es, uns selbst ein Flecklein Erde zu suchen?», fragen sie sich immer häufiger. Pläne für einen Hof in Kasachstan werden wieder verworfen, auch vielversprechende Angebote aus Österreich schlagen sie aus. Beide wollen in der Nähe ihrer Familien und Netzwerke bleiben. Zurück in der Schweiz stellt sich die Suche nach einem eigenen Kleinbetrieb als schwieriger heraus als gedacht. Die Wartezeit verbringt das Paar aktiv: Weiterbildung im Landwirtschaftssektor werden in Angriff genommen, Visionen für den eigenen Betrieb entwickelt. Bald kristallisiert sich ein Name für ihr Projekt heraus: «Naturkreislauf». Er widerspiegelt, was Priti und Sergio leben und anstreben. «Ein Zusammenspiel von Natur und Mensch», erklärt Priti. «Unsere Tiere und wir müssen miteinander auskommen», ist nur ein Beispiel. Denn: «Niemand fühlt sich wohl, wenn es nur Bosse und Untertanen gibt.» Eine Lektion, die auf der Europareise gelernt werden musste: Wenn ein Pferd lahmt, werden alle langsamer. Das schwächste Glied gibt den Takt an.

Harte Arbeit für ein Paradies

Fünf Jahre vergehen nach der Heimkehr in die Schweiz. Dann stellt ein Inserat in der «Tierwelt» den ersehnten Kontakt her: In Sangernboden sucht ein Landwirtsehepaar Nachfolger für ihren auf 1050 Meter Höhe gelegenen Hof. Ab Sommer 2012 leben Priti und Sergio nun hier, die ersten knapp zwei Jahre noch gemeinsam mit den Vorgängern. Nach zwei Jahren Umstellungszeit wird der Betrieb Anfang 2016 von Bio Suisse zertifiziert und trägt seitdem die «Knospe».

Auf das motivierte Paar wartet viel Arbeit: Die Infrastruktur ist in die Jahre – oder gar Jahrzehnte – gekommen und neben dem schon tagefüllenden Courant normal mit den Ziegen, Yaks und Forellen sollen auf dem Grundstück mehr und mehr natürliche Kreisläufe ermöglicht werden. So werden überall auf den Wiesen Obstbäume gepflanzt, welche Vögel anziehen, die dann wiederum lästigen Mücken oder Ungeziefer den Garaus machen. In Kooperation mit demNaturpark Gantrisch schichten die jungen Landwirte Steinbauten für Wiesel – diese sind begnadete Mäusejäger. Hecken werden erstellt, Teiche für Amphibien und Insekten angelegt. Gemüsegärten entstehen auf Terrassen, die so konstruiert sind, dass sie die Sonnenwärme möglichst gut «einfangen» und speichern können. Nebst der Knochenarbeit wird Ende 2013 Hochzeit gefeiert. Knapp vier Jahre später, im Herbst 2017, kommt Sohn Jeronimo zur Welt.

Leben und Sterben

In drei Teichen leben rund tausend Forellen. Nach den Bio-Suisse-Richtlinien dürften es etwa zweimal so viele sein. Je ein gutes Dutzend erwachsene und junge Ziegen grasen auf den steilen Hängen. Um wirtschaftlich vernünftig operieren zu können, müssten es eigentlich 100 – 200 sein. Casinis aber entscheiden mit einem Blick fürs «grosse Ganze». Die Fische etwa sollen nicht wie in Massenhaltung gezwungenermassen nur im Kreis schwimmen. Ausserdem: Sie leben in immer frischem Quellwasser – es ist im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Fischmasten keine Kreislaufanlage, wo das dreckige Wasser gefiltert und wieder zugeführt wird. Casinis Fische haben genug Platz, um Mücken zu jagen, um sich in alle Richtungen und in allen Wasserschichten bewegen zu können. War es vorher eher ein «Loch» im Boden, ist es jetzt ein Teich mit einem natürlich abfallenden Ufer. In den neu gepflanzten Hecken siedeln sich Insekten an, nach denen die Fische in den Abendstunden schnappen. So verbrauchen Casinis rund 50 % weniger Fischfutter als vorher. Auch dürfen die Fische länger leben als üblich. Am Schluss gibt es keine auf den Restaurantteller genormten Filets, sondern kräftig gewachsene Fische in allen möglichen Grössen und Farben.

Auch was sonst aus dem Naturkreislauf Stampferli auf einem Teller landet, ist kaum vergleichbar mit einem Stück Fleisch aus den üblichen Kühlregalen. «Unsere Tiere sollen stressfrei gehen können», beschreibt Priti Casini die Art, wie sie Schlachttage planen. Das Wichtigste ist, dass die Tiere nicht überrascht werden. «Wir begleiten alle unsere Tiere, bis sie umfallen und das Blut ausgelaufen ist», erklärt sie. Die Ziegen werden ganz nahe in der Genossenschaft Schlachthaus Sense-Oberland in Zollhaus getötet. Die Yaks hingegen haben eine sehr dicke Schädeldecke – Casinis schätzen sich glücklich, sie in der Biometzg in Kirchberg von Profis schiessen lassen zu können. Diese Metzgerei verarbeitet nach Bio-Knospe- und Demeter-Richtlinien und unterstützt ihre Philosophie. «Die Metzger staunen, wenn sie sehen, wie ruhig unsere Tiere sind», erzählt Priti nicht ohne Stolz. Doch trotz dem respektvollen Umgang mit den Tieren ist nicht alles so harmonisch, wie es klingt: «Ein Tier sterben zu sehen, ist nie etwas Schönes», stimmen Priti und Sergio Casini überein, «und es stimmt uns nicht glücklich». Wer dies selbst nicht miterlebe – wie die überwiegende Mehrheit aller Fleischkonsumentinnen und Fleischkonsumenten – könne es kaum nachvollziehen. Auch nach einigen Jahren stellt sich keine Routine ein, denn: «Es ist immer ein Lebewesen, das du auslöschst.» Auch bei jedem Fisch – diese töten und verarbeiten Casinis übrigens selbst.

Bioknopse
Pferdewagenunterwegs

"Mit der Natur arbeiten heisst Kreisläufe schaffen."

Grosser Aufwand

Der zeitaufwändige und vor allem stark emotionale Einsatz für jedes Tier ist Arbeit, die unbezahlt bleibt. Und doch legt das junge Elternpaar Wert darauf, dass ihr «Fleisch ohne Angsthormone» auch für Menschen mit niedrigem Einkommen erschwinglich ist. Im Moment kann ihr Betrieb nur dank dem Verkauf von Fleisch und Fisch wirtschaftlich sein. Gemüseanbau ist viel arbeitsintensiver – und zudem im Stampferli erst im Aufbau. Die Produktion von pflanzlicher Nahrung würde bedingen, dass weitere Angestellte mithelfen – «wir könnten also Arbeitsplätze schaffen», schwärmt Sergio. Auch aus ökologischer Sicht wäre es sinnvoll: Fressen doch gerade Rinder ein Vielfaches mehr an Kalorien, als sie am Schluss in Fleisch gebunden wieder hergeben. Auf der anderen Seite sind sie gute Grasverwerter – und die alpine Höhenlage ist nicht gerade ein Gemüseeldorado. Das innovative Jungbauernpaar ist offen für neue Ideen, ihre Vision zukünftig umzusetzen. Und erste Schritte wurden bereits getan: Dank «Wärmefallen» – terrassierten, geschützten Beeten, Steinmauern und Holzwänden – kann schon jetzt Sonnenwärme besser genutzt werden: Casinis ernten erfolgreich Paprika, Tomaten und Honigmelonen; es sollen weitere Früchte folgen.

Permakultur

Von «Permanenter Agrikultur», also dauerhafter Landwirtschaft, stammt der Begriff Permakultur. Seit einigen Jahren begeistert diese Schule weltweit Menschen, die naturnah und nachhaltig leben wollen. Bei diesem Modell von Landwirtschaft spielt Kooperation die Hauptrolle. Landschaften sollen so gestaltet werden, dass sie die wilde Natur möglichst stark imitieren und einen Ertrag bringen, der über die Selbstversorgung der Bewirtschafter hinausgeht. Zusammenarbeit soll sich im Umgang zwischen den involvierten Menschen untereinander zeigen, aber auch in der Beziehung vom Menschen zu den Tieren und zu den Pflanzen. Der Mensch arbeitet für die Natur und die Natur für den Menschen.

Die Permakultur-Landwirtinnen und -Landwirte sollen nicht nur langfristige Beobachter und Nachahmerinnen der wilden Natur sein, sondern auch mutig und innovativ ausprobieren. Ziel ist dabei immer die Erhaltung und Vermehrung der Bodenfruchtbarkeit sowie die Schaffung einer ökologischen und biologischen Vielfalt.
www.permakultur.ch

Vorerst sind aber fast ausschliesslich tierische Erzeugnisse aus dem Stampferli erhältlich. Da auf den knapp 20 Hektaren – wovon 7 Hektaren Wald sind – keine Grossmengen produziert werden, wird der Grossteil der Produkte im Direktvertrieb an den Mann oder an die Frau gebracht: in der direkten Umgebung, aber auch in Plaffeien, Milken, Riffenmatt oder Schwarzenburg, in Spiez, Thun oder Steffisburg. Am Schwarzsee findet man Yak-Landjäger und Stampferli-Forellen im Lebensmittelgeschäft «Fontana» und einmal im Monat wird Sergios Heimat im Gebiet um Stans beliefert. Trotz aller schweisstreibenden Handarbeit und den emotionalen Momenten mit ihren Tieren sind für Priti und Sergio die Begegnungen mit Menschen besonders wegweisend. Leider werden neue Wege auch fehlinterpretiert – zum Teil schlägt der jungen Familie Misstrauen oder gar Feindseligkeit entgegen, was Priti und Sergio Casini sehr bedauern: «Wir geben uns Mühe, Verständnis zu zeigen – wir wünschen uns Klärung der Missstimmungen.» Doch die positiven Momente überwiegen. Etwa der Kontakt mit ihren Kunden oder die Treffen mit anderen Landwirtinnen und Landwirten in der Umgebung: «Es hat so viele grossartige Leute in der Gemeinde», erzählen Casinis begeistert. Erfüllende Begegnungen und sorgsame Bewirtschaftung: «Wir wollen den Respekt vor der Komplexität unseres eigenen Organismus und dessen der Natur bewahren», beschreiben sie ihre Grundhaltung. Dieser Organismus soll gesund bleiben, in der Balance sein. «Das ist immer eine Herausforderung», geben sie zu. Eine Herausforderung, der sie sich noch so gern stellen.

Quelle: Gantrischpost, 2018: https://www.gantrischpost.ch/schritt-fuer-schritt-zum-alpinen-paradies/
Autorin: Salome Guida

Zeitungsbericht unserer Reise

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